Gebäude am Markt in Kazimiers, Krakau
Kazimiers, Krakau (Quelle Pixabay)

Jüdisches Viertel in Krakau: Geschichte, Kultur und Neubeginn

Die Idee entsprang – zumindest der Legende nach – dem Kopf Kasimirs dem Großen, der seiner jüdischen Geliebten ein Geschenk machen wollte. Da bedeutende Menschen auch bedeutende Geschenke machen, wollte Kasimir eine ganze Stadt verschenken. So entstand 1336 neben Krakau eine zweite Stadt: Kazimiers.

Kazimiers ist heute ein kleiner Stadtteil Krakaus, südöstlich der Altstadt am linken Weichselufer gelegen, der als bedeutendes kulturelles Zentrum Geschichte und Traditionen der jüdischen Gemeinde bewahrt hat: Von 1335 bis 1800 war Kazimiers eine eigenständige Stadt. Nach dem Tod des liberalen Herrschers Kasimir der Große wurden zahlreiche Juden aus Krakau vertrieben – in Kazimiers fanden sie Zuflucht. Und Kazimiers wurde zum religiösen und kulturellen Zentrum der Juden in Polen.

Heute wirkt Kazimiers wie ein Freilichtmuseum: Zahlreiche historische Gebäude haben die Wirren der Zeit überlebt und betören unverändert mit ihrer Schönheit. Das muss fast schon als Wunder angesehen werden, denn die Nazis gingen mit großer Akribie vor, um an allen von ihnen besetzten Orten das jüdische Erbe zu zerstören.

In Kazimiers lebten Juden und Christen lange Zeit friedlich nebeneinander; Kirchen, Klöster und Synagogen standen dicht an dicht.

Dieser Frieden endete abrupt mit der deutschen Okkupation 1939. Die Juden wurden vertrieben und in ein Ghetto auf der anderen Seite der Weichsel gepfercht. Nach 1945 ließen die Kommunisten den Stadtteil verkommen: Synagogen wurden zu Lagerhallen, jüdische Wohnungen zu Absteigen, das Viertel zum Sammelpunkt für Kriminelle.

Umso rasanter ging dann nach 1989 der Aufstieg wieder vonstatten: Mit großem Eifer wurde überall gewerkelt, gebaut und restauriert. Schon bald erglänzten die Synagogen wieder in alter Pracht und Schönheit.

Schönstes Gebetshaus ist die Tempel-Synagoge

Tempel Synagoge Kazimers, Krakau
Kazimierz, Krakau – Wikimedia Commons, Public Domain

Das schönste Gebetshaus von Kazimiers ist die im 19. Jahrhundert im maurischen Stil erbaute Tempel-Synagoge, ein Gotteshaus der reformierten Juden. Der Name bezieht sich auf den zerstörten Tempel Salomos in Jerusalem: Die reformierten Juden lehnen die Idee der Wiedererrichtung des alten Tempels ab und sehen vielmehr ihr Vaterland in ihren neuen Heimaten.

Das architektonische Vorbild des imposanten Bauwerks war der Wiener Leopoldstädter Tempel, denn damals – die Synagoge wurde zwischen 1860 und 1862 erbaut – gehörte Krakau zu Österreich-Ungarn. Die Kombination des Neorenaissancestils mit orientalischen Verzierungen zieht alle Blicke auf sich – und wenn Sie den Innenraum betreten, sind sie ebenso fasziniert: Goldene Details, 36 leuchtende Buntglasfenster mit floristischen und geometrischen Motiven und hebräische Inschriften an den Wänden zeugen von Sinn für Ästhetik und Extravaganz.

Die Synagoge war immer Symbol der modernen Bewegung des Reformjudentums, das Tradition mit Weltoffenheit verband. So zieht sie auch heute nicht nur Gläubige an, sondern auch die jüdischen Intellektuellen und fortschrittlichen Eliten Krakaus und ist sowohl Ort des Gebets als auch Veranstaltungsort für Kulturereignisse.

Remuh-Synagoge und Remuh-Friedhof – Zeugen einer reichen Kultur

Remuh Synagoge, Kazimiers, Krakau
Remuh-Synagoge, Krakau – Public Domain (Wikimedia Commons)

Am nordwestlichen Ende der berühmten Breiten Straße, Restaurantviertel und Mittelpunkt des jüdischen Viertels, in der sich ein Café an das nächste reiht, liegt die berühmte Remuh-Synagoge. Erbaut von einem wohlhabenden Bürger von Kazimiers, wurde sie im 16. Jahrhundert für Rabbi Remuh gestiftet, einem berühmten Rabbiner in Krakau, international bekanntem Schriftsteller, Talmudkenner und Philosoph.

Nach einem Brand wurde sie als länglicher Renaissance-Neubau wieder aufgebaut. Die Remuh-Synagoge ist die kleinste der sieben Synagogen Krakaus und die einzige, in der regelmäßig Gottesdienste stattfinden. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie zwar geplündert, aber nicht zerstört, sondern als Lagerhalle genutzt. So überstand sie den Krieg relativ unbeschadet und wurde in den 50er und 60er Jahren restauriert.

Unmittelbar hinter der Synagoge stoßen Sie auf den Remuh-Friedhof, der bis 1800 die wichtigste Grablege der jüdischen Gemeinde war. Hier fand auch Rabbi Moses Isserles seine letzte Ruhe – bis heute wird sein Grab von Gläubigen aus aller Welt besucht, die auf seinem Grab Steine und Zettel mit Wünschen ablegen.

Der Remuh-Friedhof gehört zu den ältesten Friedhöfen in Polen. Auf dem Gelände drängen sich unzählige, mit Efeu, Baumwurzeln und Gras überwucherte Grabsteine aneinander. Während der Nazi-Besetzung wurde der Friedhof fast vollständig zerstört – bis auf die Gräber der Familie Remuh.

Alte Synagoge – heute Teil des Museums für Stadtgeschichte

Alte Synagoge, Kazimiers, Krakau
Alte Synagoge, Krakau – Public Domain (Wikimedia Commons)

In der berühmten Szeroka-Straße, deren historische Bedeutung sich vor allem daran ablesen lässt, dass hier einst vier Synagogen standen – so viele wie sonst in keiner Straße in Europa – stoßen Sie unweigerlich auch auf die Alte Synagoge. Alt ist sie tatsächlich – sie gehört zu den ältesten erhaltenen jüdischen Gotteshäusern in Polen.

Im 15. Jahrhundert im gotischen Stil errichtet, wurde sie 1550 von Mateo Gucci, einem berühmten Architekten aus Florenz mit hoher Affinität zum Renaissance-Stil, umgebaut – inspiriert von den Synagogen in Regensburg, Worms und Prag.

Während der deutschen Besatzung wurde die Synagoge entfremdet und als Lager genutzt. Von 1956 bis 1959 fanden umfangreiche Renovierungsarbeiten statt, die eine museale Nutzung des Gotteshauses ermöglichen sollten.

Seit 1961 ist die Synagoge Teil des Krakauer Museums für Stadtgeschichte und bringt ihren Besuchern in wechselnden Ausstellungen Kultur und Leben der Krakauer Juden nahe. Das ehemalige jüdische Leben in der Stadt ist ebenso Thema wie die Traditionen der jüdischen Gemeinde und ihrer Kultur. Bewundern Sie auch die wertvollen Exponate der Judaica-Sammlung – antiquarische Schriften und Manuskripte sowie rituelle und sakrake Gegenstände aus dem Judentum.

Ethnografisches Museum – hier wird Polens Vergangenheit lebendig

Ausstellungsstück im Ethnografischen Museum in Krakau, Kazimiers
Ethnografisches Museum in Krakow – Wikimedia Commons, Public Domain (CC0 1.0)

Im Gebäude des ehemaligen Rathauses von Krakau eröffnet sich Ihnen die wunderbare Möglichkeit, eine spannende Reise in die Vergangenheit zu unternehmen: Das ethnografische Museum, 1911 gegründet und eine der ältesten und bedeutendsten Institutionen dieser Art in Polen, lädt Sie ein zu einer eingehenden Erkundung des reichen kulturellen Erbes des polnischen und darüber hinaus mitteleuropäischen ländlichen Lebens. Authentische bäuerliche Innenräume, traditionelle Trachten, handgefertigte Werkzeuge und religiöse Ikonen lassen vor Ihren Augen den typischen Alltag des 19. und 20. Jahrhunderts, aber auch Feiertagsgebräuche lebendig werden.

Für Geschichtsinteressierte und Kulturliebhaber ist der Besuch im ethnografischen Museum ein Muss!

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